Geschichte Schlesiens

Vortrag von Dr. Doris Zappel

1. Teil

Wir haben sie ins Land gerufen ...
Wachsen und Werden des Landes an der Oder

2. Teil

Was ist das für eine große herrliche Zeit ...
Toleranz, Fortschritt, Freiheit

3. Teil

Rings um den Redenberg ­
Die Industrialisierung Oberschlesiens

4. Teil

Bin ich noch in meinem Haus ?
Gerhart Hauptmann, der Dichter der Menschlichkeit und die Tragödie Schlesiens

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-> Berühmte Schlesier


 
1. Teil          Wir haben sie ins Land gerufen ...
Wachsen und Werden des Landes an der Oder

Schlesien - Land unter dem Silbermond und Kreuz!

Der schwarze Adler mit der silbernen Mondsichel und dem Kreuz, dieser schlesische Adler ist bereits auf einem Wappen Boleslaus des Langen erkennbar. Und mit diesem Boleslaus dem Langen beginnt die deutsche Geschichte Schlesiens.

Er war der älteste Sohn des polnischen Großfürsten Wladislaus II., dem 1139, nach dem Tode des Vaters, das Seniorat, d. h. die Oberhoheit über seine Brüder und damit verbunden Schlesien und Krakau zugefallen war. Streitigkeiten zwischen den Brüdern hatten schließlich zum Sturz Wladislaus geführt, der 1146 mit seiner Frau Agnes (Tochter Leopolds von Österreich) und den drei Söhnen nach Deutschland floh, nach Bamberg an den Hofe seines Schwagers, König Konrad III. Dieser überließ ihm die Altenburg in Sachsen als Wohnsitz.

Im Jahre 1163 erhielten die Söhne des inzwischen verstorbenen Wladislaus - Boleslaus, Miesko und Konrad - von ihrem Onkel Boleslaus IV. Schlesien als ihr Erbteil zurück. Das geschah seitens des Onkels natürlich nicht ganz freiwillig, sondern unter dem Druck und der Vermittlung des Stauferkaisers Friedrich Barbarossa.

Schlesien, das in den vorangegangenen Jahrhunderten immer wieder zwischen Böhmen und Polen hin und her gegangen war, hatte somit ab 1163 selbständige Herzöge, die unabhängig von Polen und frei über ihr Land entscheiden konnten. Sie teilten Schlesien unter sich auf, und Boleslaus als Ältester erhielt Niederschlesien.

Und in seine Regierungszeit fällt der erste historische Höhepunkt Schlesiens: Der Beginn der Besiedelung und Kultivierung durch deutsche Kolonisten.

Großen Anteil daran hatten die Klöster, allen voran das von Boleslaus gegründete Kloster Leubus, hoch über der Oder gelegen, besetzt mit Zisterzienser-Mönchen aus Thüringen. Im Stiftungsbrief aus dem Jahre 1175 heißt es:

- Wir haben sie ins Land gerufen, nicht als Ackerbauern oder Bauleute, sondern als Männer, die mit der Feier der Liturgie und der Betrachtung himmlischer Dinge vertraut sind.

Aber Boleslaus wollte sein Land nicht nur christianisieren, er wollte es vor allen Dingen besiedeln und kultivieren. Er hatte das Kloster mit reichem Grundbesitz ausgestattet, allerdings mit einer Bedingung: Die Mönche sollten auf den Klosterländereien Deutsche ansiedeln, die "für alle Zeit von allem polnischen (Anm.= lassistischem) Recht ausnahmslos frei sein sollten."

Zuerst waren also die Mönche gekommen. Nun kommen die Bauern, geführt von sog. Lokatoren, die im Namen des Herzogs und auf seine Kosten die Siedler angeworben und sie über viele Wochen lang sicher in das ihnen unbekannte wilde Waldland im Osten geleitet hatten. Diese Kolonisten - zum größten Teil Franken und Schwaben, aber auch Flamen und Wallonen waren unter ihnen - erhalten Land zugewiesen als ihr freies erbliches und teilbares Eigentum. Sie sind freie Leute auf eigenem Grund und Boden. Hufen werden abgesteckt, das Land urbar gemacht, Häuser gebaut. Und mit den Bauern kommen die Handwerker, die Händler und Kaufleute. Das Kloster Leubus wird zum religiösen, kulturellen und wirtschaftlichen Mittelpunkt Niederschlesiens.

Es überrascht nicht, daß Boleslaus - der ja 17 Jahre seines Lebens in Deutschland verbracht hat und dort erzogen wurde - sich eine Schwiegertochter aus einem alten deutschen Fürstengeschlecht aussucht:

Hedwig aus dem Hause Andechs-Meranien. Mit ihr hält die deutsche Kultur Einzug in Schlesien.

Hedwig, etwa 1174/75 auf Burg Andechs am bayerischen Ammersee geboren und seit ihrem 5. Lebensjahr im Benediktinerinnen-Kloster in Kitzingen erzogen; erzogen zu Zucht und Ordnung, zu Fleiß und Tüchtigkeit - sie lernte Lesen, Schreiben, Latein, Musik, Handarbeiten und die Führung eines großen Hauses. Als sie 1186 dem jungen Piastensohn Heinrich als Gemahlin ins ferne, ihr unbekannte Schlesien folgt, ist sie ganze 12 Jahre jung, liebenswert, klug, beherrscht, weiß was sie will.

Herzog Boleslaus, in Begleitung des Abtes von Leubus, erwartet mit großem Gefolge das junge Paar an der Oder bei Leubus. Er spürt sofort, daß er in der jungen Hedwig eine Verbündete gefunden hat für sein großes Vorhaben, sein Land auszubauen, zu christianisieren und zu kultivieren.

Heinrich und Hedwig wählen als ihren Wohnsitz die herzogliche Burg auf der Dominsel in Breslau (neben der heutigen Martini-Kapelle). Auf langen beschwerlichen und nicht ganz ungefährlichen Reisen lernt die junge Herzogin Land und Leute kennen. Sie versteht es ausgezeichnet, sich neuen Situationen anzupassen, auf die Kümmernisse und Sorgen ihrer Untertanen einzugehen. Sie hilft, wo sie nur kann, mit Rat und Tat, spricht Mut zu. Und sogar die der jungen Deutschen sehr ablehnend, man kann sagen feindselig gegenüberstehende polnische Verwandtschaft muß am Ende zugeben, daß Hedwig eine beachtliche Frau ist, der man Vertrauen und Sympathie entgegenbringen kann.

Klöster werden gegründet, in denen junge Menschen erzogen werden, in denen die Wissenschaften gepflegt werden (Trebnitz, erstes Frauenkloster in Schlesien, 1202, Heinrichau 1227), Städte und Dörfer werden gebaut. Allein in den Jahren 1204 bis 1239 werden von den Leubuser Zisterziensern 65 neue Siedlungen nach deutschem Recht angelegt (Goldberg 1211, Löwenberg 1217).

Welch ein Wandel gegenüber den Verhältnissen, die die ersten Mönche 1175 vorgefunden hatten:

- Keine Stadt im ganzen Land, Gestrüpp und Busch rings um die Tore des Klosters, kein Salz, kein Eisen, keine metallne Münzen. Keine guten Kleider, nicht einmal Schuhe hatte das Volk und weidete seine Herden.

So der wörtliche Bericht eines Mönches in der überlieferten Leubuser Klosterchronik. Diese Kolonisierung Schlesiens zählt zu den wichtigsten Kulturleistungen des Mittelalters. Was aber besonders wichtig ist: Sie vollzog sich ohne Kampf und Gewalt.

Hl. Hedwig
Herzogin Hedwig

- wegen ihrer klugen Unnachgiebigkeit und Furchtlosigkeit von Freund und Feind bewundert und geschätzt,
- wegen ihrer Mildtätigkeit und Frömmigkeit vom einfachen Volk innig geliebt,

Herzogin Hedwig

- die ihrem Manne 7 Kinder gebar und sich im Alter von 14 Jahren von Mann und Familie ins Kloster Trebnitz zurückzog,
- die Kirchen und Klöster stiftete und aus ihrem Brautschatz reich beschenkte.

Sie wurde die Schutzpatronin Schlesiens: Die Heilige Hedwig. In ihre letzten Lebensjahre fällt ein Ereignis von großer Bedeutung:

Im Jahre 1238 hatte ihr ältester Sohn, Heinrich II. oder der Fromme, die Regierung übernommen. Drei Jahre später, 1241, fallen die Mongolen in Schlesien ein, wälzt sich von Osten das Grauen, die Vernichtung, die Zerstörung heran.

Die Mongolen, ein asiatischer Volksstamm, gehörten zur Gruppe der tatarischen Nomadenvölker und lebten bis Ende des 12. Jh. an der Nordgrenze Chinas. Sie waren ein wildes Reitervolk, und etwa seit 1190 eroberten und zerstörten sie unter Dschinghis Chan alle Reiche südlich bis zum Indus und östlich bis an den Dnjepr.

Einige Jahre nach dem Tode Dschinghis Chan 1227 beschloß der Oberste Mongolische Kriegsrat - um das eurasische Festland vollständig zu erobern - vier Kriegszüge: einen gegen Korea, einen gegen Südchina, einen gegen Vorderasien und einen gegen Europa. Diesen letzten Feldzug befehligte Batu, ein Enkel des großen Chans. Über die kaukasische Landenge drangen die Mongolen an die Wolga vor, von 1236 bis 1240 verwüsteten sie die russischen Reiche um Nowgorod, Moskau und Kiew. Ende Januar standen sie dann - in zwei Heere aufgeteilt - an den Grenzen zu Ungarn und zu Polen, und damit auch Böhmen und das Deutsche Reich bedrohend. In Ungarn und in Böhmen traf man sofort Schutzmaßnahmen. Auch in Polen rüstete man sich. Aber der Widerstand, den die einzelnen Fürsten dort den anstürmenden Scharen entgegenzusetzen hatten, reichte nicht aus, diese aufzuhalten.

Im Deutschen Reich wurden keine Vorbereitungen zum Widerstand getroffen. Uneinigkeit und Zersplitterung der Fürsten machten ein gemeinsames Vorgehen unmöglich, der Streit zwischen Kaiser Friedrich II. und dem Papst lähmte alles. Man hoffte, daß es den Böhmen und Schlesiern schon gelingen würde, den Feind aufzuhalten. Während der Hauptteil der Mongolen nach Ungarn eindrang, hatte ein Teil des mongolischen Heeres bereits im Februar 1241  Sandomir und das südliche Polen mit Krakau erobert und fallt nun in Schlesien ein.

In Liegnitz sammelt Herzog Heinrich II. sein Heer um sich, dessen Stärke in alten Berichten sehr unterschiedlich angegeben wird; sie schwankt zwischen 10.000 und 30.000 Mann. Um der Gefahr des Eingeschlossenwerdens zu entgehen, führt Heinrich seine Truppen zur Schlacht hinaus auf die Wahlstatt und stellt sich den Tataren entgegen, deren jahrzehntelange Kampferfahrung, grausamsten Kriegsgesetze, deren Kampfart und Bewaffnung, vor allen aber deren Beweglichkeit und zahlenmäßige Überlegenheit ihnen von vornherein fast überall den Sieg sichert.

Schlesische und polnische Edelleute, Bürger und Bauern, deutsche Ordensritter, 500 Goldberger Knappen, der Vogt der Stadt Löwenburg mit seinen Leuten - sie alle werfen sich dem gefürchteten Feind entgegen. Diese Schlacht auf der Wahlstatt vor den Toren Liegnitz am 9. April 1241 war eine Schlacht um Schlesien und zugleich eine Schlacht um das Schicksal des christlichen Abendlandes. Durch sein mutiges Sich-den-Tataren-Entgegenstellen verschafft Heinrich dem böhmischen König Zeit, seine Soldaten zu sammeln. Das schlesische Heer wird vernichtend geschlagen, Herzog Heinrich getötet, die herzogliche Residenz geht in Flammen auf.

Der Weg nach Westen ist frei.

Da rückt das böhmische Heer heran, die Mongolen ziehen sich zurück, um sich mit ihrem Hauptheer in Ungarn zu vereinigen. Von dort versuchen sie, nach Österreich vorzudringen. Aber ein großes Heer unter dem böhmischen König und den Herzogen von Österreich und Kärnten stellt sich ihnen entgegen. Die Mongolen ziehen sich wieder nach Ungarn zurück. Da geschieht das Wunder: In der Mongolei war der Groß-Chan gestorben, alle Nachkommen Dschingis Chans werden aufgefordert, sofort heimzukehren, um das neue Oberhaupt der Mongolen zu wählen.

Die Tataren ziehen ab!

Gerettet das christliche Abendland, gerettet die deutsche Kultur, gerettet Schlesien.


100 Jahre später:

Durch Streitigkeiten oder durch Heiraten bedingt, war Schlesien in viele kleine Fürstentümer - am Ende waren es 18 - zerfallen, die zum Teil völlig schütz- und machtlos waren. Um sich vor den Übergriffen ihrer Nachbarn oder Verwandten zu schützen, gaben nach und nach alle schlesischen Piasten ihre Selbständigkeit auf und stellten ihr Land unter den Schutz der Krone Böhmens. (Die letzten selbständigen Fürstentümer waren Schweidnitz und Jauer, die dann durch Heirat - Anna von Jauer mit Karl V. - an Böhmen kamen.) Dieser Anschluß an Böhmen war für Schlesien von großer Bedeutung, denn immer wieder erhoben die polnischen Könige Ansprüche auf Schlesien. Im August 1335 kommt es dann zwischen dem polnischen und dem böhmischen König zum Vertrag von Trentschin. Der polnische König Kasimir III. verzichtet für sich und seine Erben und Nachfolger auf alle schlesischen Gebiete, die böhmisch geworden sind. Der böhmische König Johann und sein Sohn Karl, der spätere Kaiser Karl IV., verzichten im Gegenzug für sich und ihre Erben und Nachfolger auf alle Rechte in Polen, mit Ausnahme der böhmisch gewordenen Gebiete.

In einem Buch "Zur Geschichte Polens", Verfasser ist der polnische Historiker Oskar Halecki, heißt es zu diesem Vertrag:

- Kasimir erkannte die Oberhoheit des Königs von Böhmen über die schlesischen Piasten an, die jenem gehuldigt hatten. Für diese Anerkennung gab Johann endgültig seine Anwartschaft auf den Thron von Polen auf.


Dieser Vertrag von Trentschin war enorm wichtig für die Weiterentwicklung Schlesiens. Nun blüht das Land auf, die herrlichen gotischen Rathäuser legen Zeugnis ab von der Unabhängigkeit, der Stärke und des Stolzes der Zünfte und Stände. Handelsstraßen gehen nach allen Richtungen, bis hoch nach Danzig und bis nach Flandern werden schlesische Tuchwaren, Metalle und auch Bier gehandelt. Breslau ist eine der fünf größten Städte im Deutschen Reich. Ein freies Bürgertum wächst heran, das dem böhmischen König und auch der Kirche gegenüber seine Rechte und Privilegien behauptet.

Wissen, Bildung wird groß geschrieben. In alten Chroniken und Beschreibungen wird immer wieder das vorzügliche Schulwesen hervorgehoben. So z.B. von Abraham Ortelius, einem berühmten Kartographen aus dem 16. Jahrhundert. Auf der Rückseite einer Landkarte heißt es:

- Das ist im übrigen eine sehr bemerkenswerte Sache, daß man in ganz Deutschland kaum ein Land findet, in dem es bessere Schulen gibt oder das mehr gute Lehrer und begabte Schüler hat als Schlesien.

Valentin Trotzendorfs 1540 in Goldberg gegründete 13 Jahre später nach Liegnitz verlegte Lateinschule, der Stolz des Landes, ist die erste Schule mit einer Schülerselbstverwaltung.

Von den Schulen ausgehend dringt der Humanismus vor. Die neue lutherische Lehre fällt auf fruchtbaren Boden. Bereits 1518 erscheinen Nachdrucke der Schriften Martin Luthers, 1522 wird Liegnitz, zwei Jahre später Breslau lutherisch.

Die Reformation siegt in Schlesien - und wieder ist es ein Sieg ohne Kampf, ohne Bilderstürmerei, ohne Fanatismus.

Das Jahr 1526 brachte dann die große politische Wende. Mit der Wahl Ferdinands I. von Österreich zum König von Böhmen kam das fast zu 90 % protestantische Schlesien an das katholische Haus Habsburg.

Und trotz der religiösen Gegensätze werden die Wissenschaften gepflegt.

Der hohe Bildungsstand in Schlesien wird durch nichts besser belegt als durch die vielen großen Gelehrten und Künstler, insbesondere die vielen Dichter.

Im 17. Jahrhundert erreicht die Dichtkunst in Schlesien ihren Höhepunkt. An den Anfang dieser schlesischen Barockdichtung gehört Martin Opitz, Schulmeister und hochgelehrt. Mit seinem "Buch von der deutschen Poeterey", 1624 - mitten im Grauen des 30jährigen Krieges - in Breslau herausgegeben, verhilft Opitz der deutschen Sprache in der Poesie zur neuen Geltung.

Ihm folgt Andreas Gryphius, 1616 in Glogau geboren, ein Wunder an Gelehrsamkeit, Kenner von mindestens 11 Sprachen, der Schöpfer des deutschen Barock-Theaters. In den Mittelpunkt seines Werkes stellt Gryphius, der in einer langen Zwietracht und Glaubenskämpfen zerrissenen Zeit lebt, "die Vergänglichkeit menschlicher Sachen".

Und weiter Johann Scheffler, bekannt unter dem Namen Angelus Silesius, 1624 in Breslau geboren, erst Arzt, dann Priester, Verfasser von Kirchenliedern, Epigrammen und Streitschriften gegen den Protestantismus. In seinem "Cherubinischen Wandersmann" - eine Sammlung von geistlichen Sinn- und Schlußreimen - drückt er das Verhältnis der Seele zu Gott in immer neuen Abwandlungen aus:

- Ich bin so groß als Gott, er ist als ich so klein, Er kann nicht über mich, ich unter ihm nicht sein.

Aus der langen Reihe der großen schlesischen Barockdichter will ich nur noch einen erwähnen:
Johann Christian Günther, Ende des 17. Jh. in Striegau geboren, von Beruf Mediziner, ein genialer Lyriker, der Vorläufer der Klassik. Johann Christian Günther dichtete, was er erlebte, und er erlebte, was er dichtete. Sein Leben war, wie es Josef Nadler ausdrückt, "so jammervoll, daß einem wenig Freude aufkommt über seine Lieder, da ihre Schönheit und ihr Wohllaut mit viel Elend bezahlt wurden".


 
2. Teil          Was ist das für eine große herrliche Zeit ...
Toleranz, Fortschritt, Freiheit

Im 18. Jahrhundert, mit dem Einmarsch der Preußen unter Friedrich II. im Jahre 1740, bricht für Schlesien eine neue Zeit an, eine Zeit gekennzeichnet durch die Begriffe Toleranz, Fortschritt, Freiheit.

Die Habsburger hatten in den ersten Jahrzehnten ihrer Regentschaft wegen der ständig drohenden Türkengefahr keine oder nur wenig Zeit, sich um die ihrer Meinung nach "aufsässigen evangelischen Schlesier" zu kümmern. Erst Anfang des 17. Jh. verschärften sich die konfessionellen Gegensätze, denn die Habsburger sahen es als ihre wichtigste Aufgabe an, m ihrem Herrschaftsbereich die Reformation zu verdrängen und den katholischen Glauben wieder durchzusetzen.

In Schlesien setzte - oft mit Gewalt verbunden -die Gegenreformation ein: Evangelische Schulen und Kirchen wurden aufgelöst, der Unterricht und Gottesdienst verboten, die Gebäude beschlagnahmt und katholischen Mönchsorden überlassen. Wichtige Stellen in der Verwaltung wurden nur noch mit Katholiken besetzt. Wer sich dem widersetzte, wer widerspenstig war, der wurde des Landes verwiesen - falls er nicht freiwillig ging. Erst nach dem Westfälischen Frieden 1648, der den 30jährigen Krieg, in dem es am Ende nicht mehr um den Glauben, sondern nur noch um Macht ging, beendete, durfte in Schlesien wieder evangelischer Gottesdienst abgehalten werden, allerdings nur in den drei sogenannten "Friedenskirchen" in logau, Jauer und Schweidnitz. Auch nach der 1707 zwischen Kaiser Josef I. v. Österreich und dem Schwedischen König Karl XII. vereinbarten Altranstädter Konvention, in der die Herausgabe der beschlagnahmten evangelischen Gotteshäuser und der Bau von sechs Gnadenkirchen festgelegt wurde (Sagan, Freystadt, Hirschberg, Landeshut, Militsch, Teschen), änderte sich wenig an der Einstellung der Habsburger gegenüber den Protestanten.

So ist es kein Wunder, daß die Preußen 1740 von der schlesischen Bevölkerung, insbesondere von der niederschlesischen, als eine Art Befreier betrachtet werden. - Oberschlesien war, im Gegensatz zu Niederschlesien, in der Gegenreformation zum größten Teil wieder zum Katholischen Glauben zurückgekehrt.

Für Schlesien beginnt das Zeitalter der Toleranz. Vorbei sind die Zeiten der religiösen Unterdrückung, die kirchlichen Verhältnisse werden unter Friedrich II. anders behandelt als damals üblich, denn:

- Die Religionen müssen alle toleriert werden ... hier soll ein jeder nach seiner Facon selig werden -

So hatte der junge Preußenkönig festgelegt. Er bedrückt weder die Katholiken noch bevorzugt er die Protestanten noch erhebt er in der eroberten Provinz seine, d.h. die evangelische Religion zur Staatsreligion. Katholiken und Reformierte, Herrenhuter und Jesuiten, Schwenkfelder und Griechisch-Orthodoxe - jeder wird voll geduldet. Diese Toleranz, diese Freizügigkeit zeigt sich auch auf anderen Gebieten. Es gilt der Grundsatz "Gleiches Recht für alle", denn die Meinung Friedrich des Großen war:

- So muß ich euch dennoch zu erkennen geben, daß in meinen Augen ein armer Bauer ebensoviel gilt wie der vornehmste Graf und der reichste Edelmann. Das Recht ist sowohl für vornehme als für arme Leute.

Mit der Toleranz einher geht der Fortschritt, Schlesien wird unter den Preußen so eine Art Musterland. Es gibt keinen Bereich, der nicht neu geregelt, der nicht "modernisiert" wird: Die Brüche werden trockengelegt, die Flüsse reguliert, der Kartoffelanbau wird in der Landwirtschaft eingeführt, die Merino-Schafe in der Viehzucht. Marmorbrüche werden angelegt, Eisenhütten, Schmiedewerke, Steingut- und Porzellanmanufakturen entstehen. Tuchfabriken, Spinnereien und Spitzenmanufakturen werden gegründet, eine Forstordnung wird erlassen, eine Brandordnung. Und wo ein Ort durch Feuer arg gelitten hat (erwähnt sei Ratibor), hilft der alte Fritz mit blanken Talern beim Wiederaufbau. Dank lehnt er ab, z. B. im Jahre 1783 in Greiffenberg:

- Dir habt es nicht nötig, Euch dafür zu bedanken; es ist meine Schuldigkeit, meinen
verunglückten Untertanen aufzuhelfen. Dafür bin ich da. -

War es im 18. Jahrhundert die religiöse Freiheit, die das geistige Gesicht Schlesiens verändert hatte, so brachten die Stein/Hardenberg'schen Reformen zu Beginn des 19. Jahrhunderts den Wandel im öffentlichen Leben: Mit der Städteordnung 1809 erhalten auch die schlesischen Städte das Recht der Selbstverwaltung unter einem gewählten Bürgermeister, Magistrat und Stadtverordneten. Mit der Aufhebung der Guts- und Erbuntertänigkeit bekommen 1810 die Bauern ihre volle persönliche Freiheit zurück. Die ebenfalls 1810 eingeführte Gewerbefreiheit, die es jedem Handwerker erlaubt, sich ohne Zunftzwang selbständig zu machen und niederzulassen, bringt das Ende der Vorrechte und Privilegien der Innungen und Zünfte.

Damit war der Grundstock gelegt für die kommenden großen Veränderungen: Handel, Gewerbe, Verkehr blühten auf. Der technische Fortschritt brachte neue Industrien, brachte die Entwicklung der Landwirtschaft sowie des Berg- und Hüttenwesens.

Dieser Fortschritt, diese günstige Entwicklung wäre nicht möglich gewesen ohne Freiheit. Aber zu Beginn des 19. Jh. war es um die nationale Freiheit in Schlesien schlecht bestellt. Mit dem Ruf nach "Liberté - Egalité -Fraternité" hatte Napoleon Europa mit Krieg überzogen, Preußen erobert. Im Januar 1807 kapitulierte die Festung Breslau, mit dem Einzug des Prinzen Jerôme Bonaparte begann die französische Besatzungszeit.

Nach dem Untergang der französischen Armee im russischen Winter 1812 erhebt sich - von Schlesien ausgehend - der Ruf nach Freiheit. Februar/März 1813: In Breslau ruft Professor Steffens die Studenten auf zum Kampf gegen die Fremdherrschaft. Henrik Steffens war 1806 nach der Eroberung Halles durch die Franzosen und Schließung der Universität nach Breslau gegangen.

Von Breslau aus, wo sich der König Friedrich Wilhelm III. aus Sicherheitsgründen - und um der Aufsicht durch die Franzosen zu entgehen - seit Ende Januar 1813 aufhält, erfolgt am 16. März die Kriegserklärung gegen Napoleon; von Breslau aus erläßt der König am 17. März den denkwürdigen "Aufruf an mein Volk".

Im Breslauer Schloß stiftet der König als neuen Kriegsorden das "Eiserne Kreuz", gegossen in der Gleiwitzer Eisenhütte.

Im Breslauer Gasthaus "Zum Goldenen Zepter" auf der Schmiedebrücke stellt Major Lützow sein berühmtes Freicorps zusammen. Hier erscheint am 19. März 1813 der junge Theodor Körner, um sich einzuschreiben. Wenige Tage später berichtet er aus Breslau:

- Was ist das für eine große herrliche Zeit... es ist nur ein Wille, nur ein Wunsch in der ganzen Nation -

Der Befreiungskampf beginnt. Im August 1813 besiegt Marschall Blücher in der Schlacht an der Katzbach bei Liegnitz die napoleonischen Truppen und drängt sie aus ganz Schlesien hinaus. Mit der Völkerschlachtbei Leipzig im Oktober desselben Jahres geht die Ära Napoleon zu Ende, ist Schlesien, ist Preußen, ist Deutschland frei.

Mit dieser Zeit, mit diesem Ruf nach Freiheit eng verbunden ist Joseph Freiherr von Eichendorff, der große deutsche Dichter der Romantik aus dem Ratiborer Land. Geboren 1788 in Schloß Lubowitz - gestorben 1857 in Neisse: Dazwischen liegt ein Dichter- und Beamtenleben voller Höhen und Tiefen. 1813 eilt der junge Eichendorff aus Wien, wo er Jura studiert, nach Breslau und tritt in das Lützow'sche Freicorps ein. 1815, nach der Schlacht bei Waterloo, zieht er mit Blüchers Armee in Paris ein. Aber bei der Nennung des Namens Eichendorff denken wir weniger an die Befreiungskriege, sondern vielmehr an den Lyriker Eichendorff, den größten Lyriker der Romantik. In der romantischen Lyrik wird das Gefühl umgesetzt in Rhythmik, in Melodie, in Klang, Liebe, Natur, Wanderlust, Heimat und Heimweh – das sind die vorherrschenden Themen. Und der Gedanke von Novalis und Schelling, daß es nur eines Dichters bedürfe, die Natur durch die Poesie begreiflich zu machen, ist von Eichendorff verwirklicht worden:

Schläft ein Lied in allen Dingen, die da träumen fort und fort. Und die Welt hebt an zu singen, triffst Du nur das Zauberwort.


Die meisten Gedichte der Romantik waren - auch bei Eichendorff -Bestandteil eines Romans, einer Novelle oder eines Kunstmärchens. Eichendorff war einer der  wenigen, der seine Gedichte gesammelt herausgab, 1837 erschien sein erster Lyrikband. Viele Gedichte Eichendorffs wurden vertont und zählen zu unseren schönsten Liedern, z.B. "Mich brennt's in meinen Wanderschuhen", "Ich reise übers grüne Land", "In einem kühlen Grunde". Und nicht zu vergessen "O Täler weit, o Höhen". Es ist ein Abschiedsgruß an seine oberschlesische Heimat und Bestandteil seines ersten, 1815 erschienenen Romans "Ahnung und Gegenwart".


Karte Schlesiens von 1905
Schlesien in Preußen und im Deutschen Reich (1742–1918) (Karte von 1905)

3. Teil          Rings um den Redenberg -
Die Industrialisierung Oberschlesiens

Mit Eichendorff haben wir den Bogen geschlagen nach Oberschlesien. Oberschlesien - Land der großen Wälder, der seen- und moorreichen Heidelandschaft, des fruchtbaren Lößbodens, Land des oberirdischen Reichtums.

Ein Blick vom Redenberge bei Königshütte zeigt ein anderes Oberschlesien, ein Land, das unter dem Zeichen seines unterirdischen Reichtums steht.

Dieses neue Oberschlesien, dessen Wahrzeichen die Fördertürme der Gruben und die Schornsteine der Hüttenwerke sind, entstand erst Ende des 18. / Anfang des 19. Jahrhunderts.

Aus dem Land der großen Gegensätze - hier die arme, zum Teil noch leibeigene Landbevölkerung - dort der mächtige Großgrundbesitzer, der Adel, jeder Veränderung oder Verbesserung der Verhältnisse ablehnend gegenüberstellend, wurde das erste geschlossene  Industrie-Revier auf dem europäischen Kontinent, wurde das führende Industriegebiet Deutschlands. Diese Entwicklung ist mit dem Namen Friedrich Wilhelm Graf Reden verbunden, der im Jahre 1779 - gerade 26 Jahre alt - die Leitung des gesamten schlesischen Bergbaus übernahm. 30 Jahre lang galt sein ganzes Bestreben dem schlesischen Berg- und Hüttenwesen, dem Ausbau der Gruben und der Industrie, der Gründung neuer Unternehmen, der Erziehung und der sozialen Betreuung der armen oberschlesischen Arbeiterschaft. Ihm verdankt Oberschlesien den beispiellosen wirtschaftlichen Aufstieg.

Dieser Aufstieg beginnt im Jahre 1784, als - auf Kosten des preußischen Staates - die seit 30 Jahren geschlossene Blei- und Silbergrube in Tarnowitz wieder in Betrieb gesetzt wird. Da die unterirdischen Wasser die Arbeit in der Grube sehr stören, läßt Reden aus England eine der neuen Dampfmaschinen kommen, mit deren Hilfe das Wasser abgepumpt werden soll. Am 19. Januar 1788 wird sie in Betrieb genommen, ein bedeutsamer Tag, denn es ist die erste Dampfmaschine auf dem europäischen Festland!

Sie bewährt sich so gut, daß schon bald mehrere solcher Maschinen in Tarnowitz benutzt werden.

Da die Feuerung dieser Dampfmaschinen mit Holz schon bald zu teuer wird, setzt man einen neu gefundenen Brennstoff ein: Die Steinkohle.

1791, mit der Eröffnung der "Königsgrube", der ersten Steinkohlegrube in Oberschlesien, beginnt die großartige Entwicklung des oberschlesischen Steinkohle-Bergbaus. Graf Reden tut alles, um den Einsatz der Steinkohle zu fördern. Er setzt Prämien aus für neue Öfen mit Steinkohlen-Feuerung. Er bemüht sich darum, in öffentlichen Gebäuden, z. B. im Gericht, bei der Post oder in Gefängnissen, die Steinkohlen-Heizung einzuführen. Gleiches gilt für private Wohnungen in holzarmen Gegenden.

Auch in den Hüttenwerken und in den Eisenschmelzöfen verdrängt die Steinkohle das Holz. Im September 1796 wird in der Gleiwitzer Eisenhütte der erste Koks-Hochofen in Betrieb genommen.

Bald spielen auch die Zinkerze und die Zinkgewinnung eine große Rolle. In der oberschlesischen Zinkindustrie werden im Jahre 1860 rund 800.000 Zentner Zink gewonnen; das waren fast 40 % des gesamten Weltertrages.

Die Industrie zieht Arbeiter an. Die Ortschaften dehnen sich aus, neue Städte entstehen. So 1865 Kattowitz, das nach 35 Jahren schon mehr als 25.000 Einwohner hat. Oder die Stadt Königshütte, 1869 entstanden. Sie ist Ende des 19. Jh. mit mehr als 50.000 Einwohnern die viertgrößte Stadt in Schlesien.

Oberschlesien steht in höchster Blüte, die Städte Gruben und Hütten, die Fabriken sind Zeichen der Tüchtigkeit und der Arbeitsfreude seiner Bewohner.

Nur wenn man sich diese Entwicklung und diese Bedeutung des oberschlesischen Industriegebietes klar macht, kann man verstehen, welch ein Verlust es für die schlesische, die deutsche Wirtschaft war, als nach dem verlorenen 1. Weltkrieg die wertvollsten Teile dieses Gebietes an Polen abgegeben werden mußten.

Dieser Entscheidung war im März 1921 eine Volksabstimmung vorausgegangen, bei der sich 60 % der Abstimmungsberechtigten in Oberschlesien für den Verbleib bei Deutschland ausgesprochen hatten. Wie war es zu dieser Volksabstimmung gekommen?

Nach dem Zusammenbruch Deutschlands im 1. Weltkrieg wird am 11. November 1918 der Waffenstillstand unterzeichnet, und zwar auf Grundlage der 14 Punkte, die US-Präsident Wilson aufgestellt hatte. Nach Punkt 13 soll

- ein unabhängiger polnischer Staat errichtet werden, der alle Gebiete mit unbestritten polnischer Bevölkerung umfassen und freien Zugang zum Meer haben soll. -

Gebiete mit unbestritten polnischer Bevölkerung! Keiner denkt in diesem Zusammenhang an Oberschlesien.

Im Mai 1919 überreichen die Siegermächte in Versailles der deutschen Friedensdelegation den Entwurf des Friedensvertrages. Dieser legt fest:

- Oberschlesien soll an Polen fallen, das Hultschiner Ländchen an die Tschechoslowakei ­

In gewaltigen Kundgebungen lehnt sich Oberschlesien gegen diesen Beschluß auf.

Bei der Friedenskonferenz in Versailles (Beginn 18. Januar 1919) hatte die polnische Delegation einen unabhängigen polnischen Nationalstaat unter Einbeziehung Oberschlesiens gefordert.

Die Entscheidung über diese Forderung lag beim "Rat der Vier", das waren US-Präsident Wilson, der britische Premierminister Lloyd George, der französische Ministerpräsident George Clemenceau und der italienische Ministerpräsident Orlando. In den Sitzungen des "Rates der Vier" hatte es scharfe Auseinandersetzungen gegeben wegen der grundlegenden Meinungsverschiedenheiten in der Oberschlesien-Frage, insbesondere zwischen Frankreich und England. Schließlich setzt England für Oberschlesien eine Volksabstimmung durch.

Nach der Ratifizierung des Versailler Vertrages im Januar 1920 übernimmt eine internationale Kommission

-mit Unterstützung alliierter Truppen - bis zum Tage der Volksabstimmung die Macht in Oberschlesien. Diese Kommission besteht aus Vertretern Englands, Frankreichs und Italiens, ihr Sitz ist in Oppeln.

Sicherheit und Ordnung lösen sich in Oberschlesien mehr und mehr auf. Die Auseinandersetzungen zwischen den deutschen Sicherheitskräften und den Korfanty-Anhängern nehmen an Härte zu.

Die internationale Kommission bestimmt als Abstimmungstag den 20. März 1921.

Das Ergebnis: 60 % der Abstimmungsberechtigten sprechen sich für einen Verbleib bei Deutschland aus. Trotz dieses überzeugenden Votums für Deutschland kehrt in Oberschlesien keine Ruhe ein.

Am 3. Mai 1921 bricht - wieder unter der Führung von Korfanty - der 3. polnische Aufstand los. Militärische Einheiten besetzen den strategisch wichtigen Annaberg. Brücken und Eisenbahnlinien werden gesprengt, Ortschaften verwüstet, die Zivilbevölkerung erleidet schwere Verluste. Am 21. Mai stürmt dann der oberschlesische Selbstschutz, unterstützt von Freiwilligen aus dem ganzen deutschen Reich, den Annaberg, die Aufständigen ziehen sich zurück.

Und bald mehren sich die Gerüchte, daß die Alliierten unter Nichtachtung des Abstimmungsergebnisses das wichtige ostoberschlesische Industriegebiet an Polen übergeben wollen.

Da man sich auf der Pariser Friedenskonferenz in der Oberschlesien-Frage nicht einigen kann, wird die Angelegenheit nun dem Völkerbund in Genf zur Entscheidung vorgelegt. Der Völkerbund erstellt ein Gutachten über die Grenzziehung, und mit dem Beschluß vom 20. Oktober 1921 fällt dann die Entscheidung: - Oberschlesien wird Polen zugesprochen -Es ist eine "ohne Widerspruch" hinzunehmende Entscheidung. Nicht der Wille der Bevölkerung, sondern die Siegermächte hatten entschieden. Abgegeben werden mußte Ostoberschlesien mit dem Mittelpunkt Kattowitz: Das waren 892.547 Einwohner und 3.214 qkm der Provinz Oberschlesien. Das war der Großteil der oberschlesischen Industrie, nämlich 51 Steinkohlegruben, 15 Erzgruben, 22 Hochöfen, 9 Stahl- und Walzwerke sowie alle Zinkhütten.

Auch das ein Höhepunkt, d. h. ein entscheidender Punkt in der Geschichte Schlesiens.


 
4. Teil          Bin ich noch in meinem Haus?
Gerhart Hauptmann, der Dichter der Menschlichkeit und die Tragödie Schlesiens

Der letzte Höhepunkt führt uns ins schlesische Gebirge, ins Eulengebirge, ins Riesengebirge. Wir müssen von den blauen Bergen hinabsteigen in die grünen Täler, hinunter nach Agnetendorf, zum Haus Wiesenstein, zu Gerhart Hauptmann.

Von der Kindheit in Salzbrunn 1862 bis hin zu den letzten bitteren Monaten in Agnetendorf 1946 ist Hauptmanns Leben und Werk eng mit dem Schicksal Schlesiens und seiner Menschen verbunden. Gerhart Hauptmann - der Dichter der Menschlichkeit: Der insbesondere in seinem dramatischen Werk den Menschen in seiner besonderen Not zeigt: Die soziale Not der Weber, der Glasbläser; die innere Verzweiflung der unehelichen Mutter; das Elend des geschundenen, unglücklichen Kindes. Während  in den meisten Dramen Hauptmanns  das Schicksal von Einzelpersonen geschildert wird, steht in dem Schauspiel "Die Weber" das Leiden und der Kampf einer Gesellschaftsgruppe im Mittelpunkt.

Den Plan, ein Drama über das Schicksal der Weber zu schreiben, faßte Hauptmann bereits 1888. Aber erst im Frühling 1891, nachdem sich die unverändert schlechte Lage der schlesischen Weber erneut zugespitzt hatte, reiste Hauptmann ins Eulengebirge, um durch Gespräche mit noch lebenden Zeugen seine Kenntnisse vom Weberaufstand im Juni 1844 zu vertiefen.

Weberaufstand 1844 - das war 30 Jahre nach jener "großen herrlichen Zeit" der Befreiungskriege. Keiner hatte ahnen können, wie der schlesische Handel, insbesondere der Tuchhandel, zurückgehen würde. Die englischen, französischen und auch die deutschen Firmen, die mit den neu eingeführten Maschinen arbeiteten, machten der rückständigen schlesischen Leinenindustrie Konkurrenz und eroberten den Weltmarkt, den bisher schlesische Tuchmacher beherrscht hatten. Die schlesischen Tuchfabrikanten mußten jetzt - um überhaupt konkurrenzfähig zu bleiben - ihre Ware, die oft qualitativ mit der maschinell hergestellten nicht vergleichbar war, zu niedrigsten Preisen anbieten. Und das wiederum konnten sie nur, wenn sie die Herstellungskosten, sprich Lohnkosten extrem niedrig hielten.

Von dieser Entwicklung besonders betroffen waren die Weber im schlesischen Gebirge, insbesondere im Eulengebirge. In den großen Dörfern Langenbielau und Peterswaldau hätte die Not nicht größer sein können. Nicht viel besser war die Situation im Landeshuter, Hirschberger oder Bolkenhainer Kreis. Es blieb daher nicht aus, daß unter den Webern Haß und Neid auf die immer reicher und mächtiger werdenden Fabrikanten aufkam. Die Lage der Weber war so verzweifelt, daß es nur eines Funkens bedurfte, um die Leute zur Revolte zu treiben. Dieser Funken war das Weberlied mit dem Titel "Das Blutgericht", dessen Verfasser unbekannt geblieben ist. In den Versen des Weberliedes schlagen sich alle bisher nur verstohlen geäußerten Klagen und Beschwerden nieder, aus diesem Lied spricht die ganze Verzweiflung der Weber.

Im Juni 1844 brach in Peterswaldau der Aufstand der Weber los, über den die "Augsburger Allgemeine Zeitung" am 12. Juni 1844 folgende erste Mitteilung veröffentlichte:

„Aus Schlesien, 4. Juni. Soeben hat ein Haufen Weber aus Peterswaldau, Langenbielau und der Umgebung in Peterswaldau die Gebäude und Vorräte des Fabrikanten Zwanziger niedergerissen und zerstört. Die Familie des Zwanziger ist auf das Schloß des Grafen Stolberg geflüchtet. ... Es ist Militär aus Schweidnitz verlangt, das jeden Augenblick erwartet wird."

Es gab bei diesem Aufruhr sowohl bei den Webern als auch beim Militär, das zur Niederschlagung des Aufstandes angefordert war, viele Tote und Verletzte. Der Oberpräsident von Schlesien ergriff harte Maßnahmen gegen alle, die mit den Webern sympathisierten. In einer amtlichen Bekanntmachung der Regierung in Breslau vom 28. Juni heißt es:

"Es gelang indes in wenigen Tagen, die Ruhe herzustellen. ... Die ermittelten Rädelsführer und strafbarsten Theilnehmer des Aufruhrs sind unter Mitwirkung des Militärs verhaftet und nach Schweidnitz transportiert. ... Ein allgemeiner Nothstand hat sich bei den Webern jener Gegend keineswegs eingefunden; es fehlte ihnen im Ganzen nicht an Arbeit, und ihr Lohn reichte zur Bestreitung ihrer notwendigsten Lebensbedürfnisse aus. ... Die Hauptschuldigen sind größtenteils Menschen, die im Rufe der Liederlichkeit standen".


So einfach war also die Sache: Den sozialen Hintergrund des Aufstandes wollte man nicht wahrhaben und Anzeichen für einen politischen Hintergrund gab es nicht.

80 Aufrührer wurden zu Festung und Zuchthaus verurteilt. König Friedrich Wilhelm IV., dem das Weberelend sehr nahe ging, schickte Gesandte und Beobachter nach Schlesien - aber zu einer grundlegenden Wandlung der Verhältnisse kam es nicht. Der Fortschritt, die Industrialisierung zeigte erste Schattenseiten.

Und nun erscheint 1892 - knappe 50 Jahre später - das Hauptmann-Drama "Die Weber" - und von der dann enthaltenen Kritik an der Gesellschaft ist es nur ein kleiner Schritt zum Klassenkampf. So jedenfalls befürchtet es der deutsche Kaiser Wilhelm II. Die öffentliche Aufführung des Stückes wird erst einmal durch den Berliner Polizeipräsidenten verboten. Dieses Verbot wird Ende 1893 aufgehoben, das Deutsche Theater Berlin erwirbt das Stück. Daraufhin kündigt der Kaiser sofort seine Theater-Loge.

Im Jahre 1912 erhält Gerhart Hauptmann für seine "Weber" den Nobelpreis für Literatur.

Ein großer Verehrer der Werke Hauptmanns und natürlich besonders der "Weber" war Lenin. Wie im kaiserlichen Deutschland, so war das Stück auch im zaristischen Rußland verpönt, Druck und Aufführung waren verboten. 1895 erschien in Rußland die erste illegale Übersetzung, erstellt hatte sie Lenins Schwester, In den "Webern" fällt vor dem Aufstand der Satz, der alles erklären soll:

A jeder Mensch hat 'ne Sehnsucht.

Und die Sehnsucht nach zu Hause, nach Schlesien ist es, die Gerhart Hauptmann im März 1945 den Entschluß fassen läßt, von Dresden aus nach Agnetendorf zurückzukehren, zurückzukehren in sein Haus Wiesenstein, in dem er seit 1901 wohnte, in dem er Zuflucht und Ruhe fand, das für ihn -wie er es selbst ausdrückte - ein Ort war, "der die Dämonen schrecken und einer Welt von Feinden Trotz bieten soll".

Hauptmann, der im Februar 1945 mit seiner Frau zu einem Sanatoriumsaufenthalt nach Dresden gereist war, muß dort am 13. Februar den Untergang seines "geliebten Elbflorenz" mit ansehen. Aus dem Grauen dieses Erlebnisses heraus schreibt der 82-Jährige seine bekannte "Totenklage auf Dresden", die beginnt:

- Wer das Weinen verlernt hat, der lernt es wieder beim Untergang Dresdens.

und die mit den Worten endet:

- Ich bin mehr als 80 Jahre alt und stehe mit meinem Vermächtnis vor Gott, das leider machtlos ist und nur aus dem Herzen kommt. Es ist die Bitte, Gott möge die Menschen mehr lieben, läutern und klären zu ihrem Heil als bisher.

Hauptmann glaubt zu fühlen, daß mit dem Ende der Heimat auch sein Ende nahe sei. Er will nach Hause, heim.

Unter größten Mühen erreicht er schließlich am 21. März Agnetendorf. Seine Worte sind:

- Wir werden auf dem Wiesenstein bleiben, um hier zu leben und wenn nötig zu sterben.

Die letzten Kriegswochen verlaufen im Haus Wiesenstein relativ friedlich. Am 8. Mai wird die bedingungslose Kapitulation bekannt, und am nächsten Morgen zieht die Rote Armee in die Städte und Dörfer des Riesengebirges ein.

Als die sowjetischen Besatzungsbehörden von der Anwesenheit Hauptmanns in Agnetendorf erfahren, sind sie sehr verblüfft. Für die gebildeten russischen Offiziere ist Hauptmann kein Unbekannter:

Hauptmann, der Verfasser der "Weber", den Lenin in seinen Werken lobt. Hauptmann, der Freund Gorkis. Hauptmann, dessen Werke in den Schulen der Sowjetunion zum Lehrplan gehörten.

Man tut von sowjetischer Seite unter den schwierigen Umständen alles nur mögliche, um dem greisen Dichter das Leben zu erleichtern.

Im Sommer 1945 beginnt dann die systematische Vertreibung der deutschen Bevölkerung. Man versucht zwar, die schlimmsten Geschehnisse vor Hauptmann zu verbergen, aber er ist viel zu interessiert, und er hängt viel zu sehr an seiner schlesischen Heimat, als daß er nicht die ganze und schreckliche Katastrophe voll erkennt.

Trotz Schutzbriefe der Sowjetischen Besatzungsbehörden und auch entsprechender Papiere der polnischen Behörden wird das Leben auf dem Wiesenstein immer beschwerlicher, immer gefährlicher.

Am 7. April. 1946 überbringt ihm Oberst Sokolow das letzte Angebot der Sowjets zur Übersiedlung nach Berlin. Hauptmann stellt die Frage:

"Darf ich mein Schlesien alleine lassen?"

Er weiß, seine Vertreibung, wenn auch unter erträglichen Bedingungen, ist nicht zu vermeiden. Innerlich aber sträubt er sich dagegen. Ein Weggang ist ihm unmöglich. Er will zu Hause sterben. Unbeirrt bleibt er dabei. Er sagt:

"Und Ihr bringt mich doch nicht aus dem Wiesenstein!"

Wenige Tage vor der Ausweisung erkrankt er an Lungenentzündung, der dritten seit Dresden. In seinen Fieberphantasien quält ihn nur das eine: „Bin ich noch auf Wiesenstein ?"

Am 6. Juni, nachmittags um 15 Uhr und 10 Minuten, stirbt Gerhart Hauptmann. Seine letzten Worte sind die einfache und verzweifelte Frage:

"Bin ich noch in meinem Haus?"

Haus von Gerhart Hauptmann in Agnetendorf
Haus von Gerhart Hauptmann in Agnetendorf

Die polnische Monatszeitschrift SLASK kommentiert den Tod Hauptmanns wie folgt:

"Auf diese Weise wurde die Legende vom deutschen Ursprung Niederschlesiens liquidiert, die von der deutschen Presse aufgrund der Anwesenheit Gerhart Hauptmanns in diesem Gebiet geschürt wurde."


Hauptmanns Wunsch, in der Heimat zu sterben, war in Erfüllung gegangen. Nicht erfüllt werden kann sein Wunsch, im Park seines Hauses Wiesenstein beerdigt zu werden. Da man Plünderungen des Grabes befürchtet, entschließt sich Frau Margarete Hauptmann für die Überführung des Toten in die sowjetische Besatzungszone.

Ein Sonderzug, von den Russen zur Verfügung gestellt, mit dem toten Dichter, zahlreichen Begleitern und dem Hausrat verläßt erst 6 Wochen später Hirschberg. Über Bolkenhain, Liegnitz, Sagan, Sorau, durch das schlesische Totenland von 1946 rollte der Zug in die Lausitzer Heide ein. Dann nach Leipzig, nach Berlin, nach Stralsund. Von Stralsund aus dann die letzte Überfahrt Hauptmanns auf die kleine Insel Hiddensee, die für ihn eine zweite Heimat war.

Am 28. Juli 1946, wenige Minuten vor Sonnenaufgang, wird Gerhart Hauptmann auf dem Dorffriedhof von Kloster beigesetzt. Margarete Hauptmann streute ihm ein paar Handvoll schlesischer Erde ins Grab, "damit er nicht ganz in fremder liege".

Die Beisetzung Gerhard Hauptmanns in fremder Erde!

Ein Ausdruck des bittersten Geschehens in der schlesischen Geschichte: die gewaltsame Vertreibung deutscher Menschen aus dem Land, das sie einst friedlich besiedelt hatten und das seit dem 12./13. Jahrhundert ihre Heimat gewesen war.