
"Der Staat muß durch geistige Kräfte ersetzen, was
er an physischen verloren hat."
Friedrich Wilhelm III., August 1807.

Die Anfänge der Breslauer Universität fallen in die preußische Reformzeit des beginnenden 19. Jahrhunderts. Am 19. Oktober 1811 wurde sie, vom Preußenkönig Friedrich Wilhelm III. reorganisiert und zu einer Vollanstalt ausgebaut, in einem glanzvollen Festakt in der barocken Aula Leopoldina (Bild) feierlich eröffnet. Sie entstand durch Zusammenlegung zweier älterer Universitäten, die beide mit Schwierigkeiten zu ringen hatten: der in Breslau schon befindlichen katholische Leopoldina (Jesuiten-Universität, 1709 durch Kaiser Leopold I. gegründet) und der protestantischen Viadrina in Frankfurt an der Oder (1506 gegründet), welche zuvor nach Breslau verlegt worden war. Dabei gestaltete man die neue Lehranstalt im Sinne der idealistischen, der Forschung unbedingten Vorrang einräumenden Universitätskonzeption Wilhelm von Humboldts, ebenso wie es bei der Hochschule in Berlin 1810 geschehen war.
Die Oderuniversität in der Hauptstadt Schlesiens
trug zunächst den Namen Breslauer Viadrina, dann Universität
Breslau und wurde erst zur
100
Jahrfeier nach ihrem Neugründer in Schlesische Friedrich-Wilhelms-Universität
umbenannt.
Schlesien erhielt damit eine moderne, leistungsfähige Landesuniversität, die in den 135 Jahren ihres Bestehens ein reiches wissenschaftliches Leben entfaltete und nicht nur in den schlesischen, sondern den gesamten ostdeutschen Raum und seine Nachbarschaft hinein ausstrahlte.
Schon bald nach seiner Gründung spielte Breslau auf verschiedenen Bereichen der Medizin eine führende Rolle. Das erste physiologische Institut Deutschlands wurde hier 1836 nach zähem Bemühen von Johannes Purkinje eingerichtet. Die Breslauer medizinischen Schulen, wie sie der Chirurg Mikulicz von Radecki, der Dermatologe Neisser und der Ophthalmologe Uhthoff gründeten, zogen Lernbegierige aus allen Ländern an. Und noch bis in die Gegenwart wirkt Otfried Forsters gehirnchirurgische Methode in Amerika nach. Adolf Czerny vertiefte die Kinderheilkunde zu einem selbständigen Fach und der Name Robert Bunsen verknüpfte sich mit dem traditionsreichen Institut der Chemie.
In Breslau forschten und lehrten, um nur ein paar bekannte Einzelnamen zu nennen: der katholische Theologe Anton Dereser und sein protestantischer Kollege Johann Christian Augusti, der Jurist und Historiker Theodor Mommsen, der hier seine säkulare "Römische Geschichte" schrieb, der Verfasser des "Deutschen Genossenschaftsrechtes" Otto von Giercke, der Rechtshistoriker und Schriftsteller Felix Dahn, der Philosoph Wilhelm Dilthey, die Nationalökonomen Lujo Brentano, Werner Sombart und Adolf Weber, die Botaniker Rober Heinrich Göppert und Ferdinand Cohn, der Mineraloge Karl von Raumer und der Soziologe Eugen Rosenstock-Huessy.
Akademische Lehrer an der Universität Breslau waren der Dichter des Deutschlandliedes, der Germanist August Heinrich Hoffmann von Fallesleben und der aus dem oberschlesischen Kreuzburg stammende Schriftsteller Gustav Freytag. Der Niederschlesier Gerhart Hauptmann erhielt 1942 die Breslauer Ehrendoktorwürde. Johannes Brahms widmete als Dank für seine Ehrenpromotion seine "Akademische Festovertüre", die studentische Liedmotive ("Ich hab' mich ergeben" und "Gaudeamus igitur") verarbeitet. Diese wurde in der stimmungsvollen Aula Leopoldina uraufgeführt. Neben Brahms musizierten hier vor einem begeisteren studentischen Publikum u.a. Karl Maria von Weber, Niccolo Paganini und Franz Liszt.
Das von seiner Landesuniversität wissenschaftlich maßgeblich
geprägte Schlesien kann die beachtliche Zahl von zwölf
Nobelpreisträgern
vorweisen, die aus dem Land hervorgegangen sind und von denen die meisten
in ihrem Lebens- und Berufsweg mehr oder weniger intensiv mit der Universität
Breslau in Verbindung getreten sind:
| Nobelpreis | ||
| Paul Ehrlich (Strehlen) | Medizin | 1908 |
| Gerhart Hauptmann (Bad Salzbrunn) | Literatur | 1912 |
| Fritz Haber (Breslau) | Chemie | 1918 |
| Friedrich Bergius (Breslau) | Chemie | 1931 |
| Otto Stern (Sohrau) | Physik | 1943 |
| Kurt Adler (Königshütte) | Chemie | 1950 |
| Max Born (Breslau) | Physik | 1954 |
| Maria Goeppert-Mayer (Kattowitz) | Physik | 1963 |
| Konrad Bloch (Neisse) | Medizin | 1964 |
| Hans Georg Dehmelt (Görlitz) | Physik | 1989 |
| Reinhard Selten (Breslau) | Ökonomie | 1994 |
| Günter Blobel (Sprottau) | Medizin | 1999 |
Quellen: H.-J. Kempe, 150 Jahre Breslauer Burschenschaft,
Verlegt durch BABB e.V, Bonn, Heinrich Pöppinghaus Verlag, Bochum,
1967, 19-22; J.J. Menzel, Burschenschaftliche Blätter, Heft 2, 1995,
81-84