General-Anzeiger vom 17.03.1998
Wenn in diesen Tagen überall in Deutschland an die demokratische Revolution vor 150 Jahren erinnert wird, sollten die Ereignisse in Bonn nicht vergessen werden. Bonn hat nicht nur in den letzten fünf Jahrzehnten die deutsche Demokratiegeschichte beeinflußt, auch der Beitrag der Bonner an den demokratischen Veränderungen in den Revolutionsjahren von 1848 und 1849 war bedeutend, obwohl damals die Stadt noch erheblich kleiner war und die Universität nur von 700 Studenten besucht wurde. Die bekanntesten "1848er" waren Ernst Moritz Arndt, Friedrich Christoph Dahlmann, Gottfried und Johanna Kinkel und Karl Schurz, drei Generationen deutscher Demokraten. Am 20. März 1848 führten sie gemeinsam einen Demonstrationszug zum Bonner Rathaus an, um hier der neuen Zeit zu huldigen. In Frankreich war der "Bürgerkönig" Luis Philippe gestürzt, in Wien Metternich verjagt worden, und in Berlin war es zu Barrikadenkämpfen gekommen, die den König zu weitgehenden Zugeständnissen gegenüber den demokratischen Entwicklungen veranlaßten. Nun hoffte man zu erreichen, was viele in diesen Zeiten gewünscht hatten: Einheit und demokratische Erneuerung in Deutschland.
Ernst Moritz Arndt war 1848 für damalige Verhältnisse mit 77 Jahren bereits ein Greis. Er war der populäre Freiheitsdichter und hatte den Sieg Deutschlands über Napoleon begleitet. Das befreite Rheinland war für ihn "Kern und Herz des Deutschen Volkes". Der Rhein sollte "Teutschlands Strom, aber nicht Teutschlands Gränze" sein. Er war 1818 nach Bonn gekommen, um dort die von den Franzosen 1798 geschlossene Universität wieder zu eröffnen und mit dem neuen deutschen Geist das Rheinland und die Herzen seiner Bewohner wieder zurückzuerobern. Seine freiheitlichen Gedanken wurden von der preußischen Regierung aber sehr bald skeptisch beurteilt. Insbesondere seine Forderung nach Verfassung und Pressefreiheit. Bald wurde er mit Disziplinarverfahren überzogen, die zu einer fast 20jährigen Suspendierung von der Universität führten. Seine Popularität erregte in ganz Deutschland großes Aufsehen und hatte für die Geschichte des sogenannten "Vormärz" große Bedeutung. In Deutschland wurde gesammelt, um den Familien das Überleben zu sichern. Dahlmann erhielt 1842 nach kurzen Aufenthalten in Jena und Leipzig eine Professur in Bonn für deutsche Geschichte und Staatswissenschaften. Er war an der Universität eine wichtige Autorität, so daß er, nach den ersten Umsturznachrichten aus Frankreich und Wien, vom Rektor gebeten wurde, eine Resolution an den preußischen König zu entwerfen, in der dieser aufgefordert wurde, dem Land eine Verfassung zu geben und dem Volk mehr Zugeständnisse zu machen. Diese Resolution wurde mit großer Mehrheit von den Professoren akzeptiert und nach Berlin weitergeleitet. Um so erfreuter war man dann am 20. März über die Nachricht, daß der König - wenn auch unter dem Druck des Barrikadenbaus - sich diese Forderungen zu eigen gemacht hatte.
Gottfried Kinkel war 1848 erst 33 Jahre alt. Als Sohn eines evangelischen Oberkasseler Pfarrers hatte er Theologie studiert, war Privatdozent an der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Universität geworden und konnte seine ökonomische Basis sichern durch Unterricht an zwei Gymnasien und als Hilfsprediger in einer Kölner Gemeinde. Alle beruflichen Pläne wurde aber durchkreuzt, weil er die katholische Johanna Mathieux, geborene Mockel, heiratete, die als emanzipierte Frau gewagt hatte, sich von ihrem Mann scheiden zu lassen. Kinkels Karriere als evangelischer Theologieprofessor war damit zu Ende. Das Paar entwickelte eine große künstlerische Kreativität. Gottfried Kinkel schrieb Romane und Trauerspiele und gründete mit Johanna Kinkel den "Maikäferbund", der zu einem über Bonn hinaus bekannten Dichterkreis wurde, dem unter anderem Karl Simrock, der Kunsthistoriker Jacob Burckhardt, der berühmte Freiheitsdichter Ferdinand Freilingrath und Emanuel Geibel ("Der Mai ist gekommen") angehörten. Johanna Kinkel war wohl die kreativere von beiden. Ihre Kompositionen fanden in Deutschland ein großes Echo. 1846 gelang es Gottfried Kinkel schließlich, zum Professor für Kunstgeschichte ernannt zu werden. Er gründete damit die erste Kunstgeschichtliche Fakultät an der Universität. 1848 hatte er wieder so viel Autorität, daß er am 20. März den Demonstrationszug anführte und eine große Rede auf den Treppen des Rathauses hielt.
Mit dabei war Karl Schurz, ein gerade 19 Jahre alt gewordener Student Kinkels. Er war drei Jahre vorher mit seiner Familie aus Lieblar nach Bonn gezogen, weil der Vater als Wirt dort erfolglos war. Die Burschenschaft Franconia gab dem Jungen vom Lande Selbstvertrauen. Er wurde "Studentenfunktionär". In einem Brief an einen Freund schrieb er in jenen Tagen: "Was unsere studentischen Bestrebungen angeht, so leben wir in einem solchen Schwall von Geschäften, Versammlungen, Wahlen und so weiter, daß uns fast Hören und Sehen vergeht und mir nur sehr wenig Zeit bleibt, unsere Erfolge zu genießen." In seinem Tagebuch heißt es über die Veranstaltung am 20. März vor dem Rathaus: "Man klatschte in die Hände, man schrie, man umarmte sich, man weinte. Im Nu war die Stadt mit schwarz-rot-goldenen Fahnen bedeckt, und nicht nur die Burschenschaften, sondern fast jedermann trug bald die schwarz-rot-goldene Kokarde an Mütze oder Hut."
Die Gemeinsamkeiten dieses Tages dauerten allerdings nicht lange. Zwar wurde Kinkel zum Vizepräsidenten einer "Zentralbürgerversammlung" gewählt. Bei den Wahlen im Mai gelang ihm aber weder für den preußischen Landtag in Berlin noch für das Parlament in der Frankfurter Paulskirche ein Mandat zu erringen. Vielmehr siegten in Bonn die Bedächtigen und Konservativen: für Berlin Prof. Bauerband, für Frankfurt Prof. Deiters. Von den 49 Professoren der Paulskirche kamen nicht weniger als sieben aus Bonn, die in anderen Wahlkreisen kandidiert hatten. Unter ihnen auch Arndt und Dahlmann. Arndt war von der zunehmenden Unruhe keineswegs begeistert. In einem Brief klagte er, man müsse selbst in dieser kleinen Stadt "fast täglich und stündlich gegen das demokratische Ungeziefer zu Felde liegen". In der Pauskirche spielte er kaum noch eine Rolle. Er war zwar das umjubelte nationale Denkmal, von sich selbst sagte er aber: "Ich also sitze so mit und versitze möglicherweise einem schlechteren Manne die Stelle." Zwölf Jahre später, im Januar 1860, starb er als 90jähriger. Friedrich-Christoph Dahlmann arbeitete im wesentlichen den Verfassungsentwurf der Paulskirche aus, dessen Hauptbestandteile vom Bonner Grundgesetz übernommen wurden. Trotz dieser Bedeutung für die deutsche Geschichte war Dahlmann doch mehr Theoretiker als praktischer Politiker. Im Mai 1849 trat er aus der Nationalversammlung aus und zog sich aus dem öffentlich-politischen Leben zurück. Im Gegensatz hierzu stand die Karriere von Gottfried Kinkel. Durch seine Niederlage bei der Kandidatenaufstellung wurde er immer politischer. Er gründete den Demokratischen Verein, wurde Redakteur der Bonner Zeitung, organisierte einen Handwerker-Bildungsverein mit 200 Mitgliedern und wurde dessen Präsident. Er hatte damit alle Instrumente in der Hand, um bei den Bonnern immer populärer zu werden. In dieser Zeit arbeitete er eng mit Karl Marx, Redakteur der "Neuen Rheinischen Zeitung" in Köln, zusammen. Er bezeichnete sich als "Sozialist" und meinte: "Seit ich denke und empfinde, hat mein Herz sich an den Armen und Unterdrückten in meinem Volke gehalten und nicht an den Reichen und Gewaltigen dieser Welt."
Der preußische König, inzwischen erholt vom Schock angesichts der Barrikaden in Berlin und aufgewiegelt vom preußischen Adel, stellte sich zunehmend gegen die demokratische Entwicklung. In der Krise um Schleswig-Holstein entschied er gegen das Frankfurter Parlament und löste nach Protesten und Zusammenstößen das preußische Parlament auf. Das rief als Gegenreaktion zu einem Steuerboykott auf. Kinkel besetzte mit seinen demokratischen Freunden die Stadttore und versuchte, den Steuerboykott auch in Bonn durchzusetzen. Der Einmarsch eines Infanterieregiments stoppte weitere geplante Widerstandshandlungen. Man versuchte, gegen Kinkel strafrechtlich vorzugehen. Er wurde zunehmend an der Universität isoliert. Doch dieser Konflikt steigerte die Popularität Kinkels, und er wurde - als erster und bisher letzter linker Kandidat in Bonn - direkt in den Landtag gewählt.
Allerdings dauerte diese Periode nicht lange. Im März 1849 verkündete die Nationalversammlung in Frankfurt die von ihr erarbeitete Reichsverfassung und wählte den preußischen König zum Kaiser der Deutschen. Friedrich Wilhelm lehnte die Krone ab, weil sie "mit dem Ludergeruch der Revolution" behaftet sei. Es begannen bewaffnete Aufstände im Rheinland, in der Pfalz und in Sachsen. Demokraten um Gottfried Kinkel beschlossen, sich ebenfalls zu bewaffnen, um die Rüstkammer in Siegburg zu stürmen. Der Plan wurde vereitelt, Kinkel floh und beteiligte sich an den badischen Aufständen. Und mit ihm ging Karl Schurz, der inzwischen nicht nur als Studentenvertreter an der Universität, sondern auch als Agitator gegen die Monarchie im Rheinland einen bedeutenden Namen erlangt hatte. In Rastatt wurde der badische Aufstand von dem preußischen Militär blutig niedergeschlagen, Kinkel verhaftet und zu lebenslanger Festungshaft in der Spandauer Zitadelle verurteilt. Schurz floh in die Schweiz und beschloß, seinen Professor zu befreien. Mit gefärbten Haaren schlug er sich nach Berlin durch und konnte durch Bestechung tatsächlich erreichen, daß der Gefängniswärter die Kämpfer für die Sklavenbefreiung Tür für Kinkel aufschloß. Gemeinsam flohen sie nach London. Dort führte Kinkel bald den Emigrantenkreis an - sehr zum Leidwesen von Karl Marx, der ebenfalls in London lebte, aber keineswegs so populär wie Kinkel bei der englischen Bevölkerung war. Johanna Kinkel starb durch einen tragischen Unfall, was wiederum Karl Marx veranlaßte, Selbstmordtheorien und sogar Mordtheorien zu verbreiten. Karl Schurz, den das Emigrantenleben in London langweilte, wanderte nach Amerika aus. Dort wurde er Mitarbeiter von Abraham Lincoln und einer der führenden Kämpfer für die Sklavenbefreiung. Später wurde er Innenminister und zu einem der großen demokratischen Vorbilder in Amerika. Um die erwartete Revolution in Deutschland zu finanzieren, zog Kinkel mit Schurz durch Amerika; leider fiel die Sammelaktion für den "Nibelungenschatz" weit magerer als erwartet aus. Die Revolution in Deutschland kam nicht. Gottfried Kinkel wurde Professor in Zürich und starb 1882 an den Folgen eines Schlaganfalls. Den "Nibelungenschatz der Revolution" hatte er vorher an August Bebel und Wilhelm Liebknecht übergeben, die damit 1869 die Gründung der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei mitfinanzierten. In Oberkassel, seinem Geburtsort, wurde schon im Juni 1883 ein Kinkel-Denkmal enthüllt.