Ferdinand Lassal – oder wie er sich seit 1846 durch den
Kontakt zu französischen Kommunisten nannte, Ferdinand Lassalle - ist auch
heute, über 140 Jahre nach seinem Tod bei einem Duell mit einem rumänischen
Corpsstudenten in Genf nicht aus dem politischen Leben wegzudenken (Die
Duell-Pistolen werden übrigens gut gepflegt: im Archiv der Komintern in Moskau,
mehrere Etagen unter der Erde und atombombensicher).
In einer der letzten Reden vom seinerzeit scheidenden Bundeskanzler Schröder wurde Lassalle noch ausgiebig erwähnt. Selbst im korporativen Kontext musste Lassalles Name für den Arbeitskreis sozialdemokratischer Korporierter - Lassalle-Kreis herhalten. Zumindest letzterer bezog sich vor allem auf den sozialrevolutionären Burschenschafter Lassalle. Allerdings ist es fraglich, ob sich Ferdinand Lassalle bei der heutigen sozialdemokratischen Politik noch der Sozialdemokratie zugehörig fühlen würde, denn immerhin sympathisierte er mit Bismarcks Haltung zur Lösung der 'deutschen Frage'.
Heute wäre das vermutlich schon verfassungsfeindlich. Zumindest wäre Lassalle heute, nach der Definition der SPD, Mitglied in einem "völkischen und antisemitischen Kampfverband", so die Bezeichnung der Jungsozialisten für die Burschenschaftliche Gemeinschaft, der unser Bund angehört. (Im laufenden Geschäftsjahr sind wir Vorsitzende). Lassalle würde heute wohl nicht mehr SPD-Mitglied werden können, denn seit April 2006 ist der auf Druck der Jungsozialisten im SPD-Präsidium zustande gekommene Unvereinbarkeitsbeschluss gegen Burschenschafter, die Mitglied in Bünden der Burschenschaftlichen Gemeinschaft sind, beschlossene Sache.
Der Raczek Lasalle war Vorreiter einer ganzen Reihe von sozialrevolutionären Breslauer Burschenschaftern wie beispielsweise der beiden Raczeks Johannes Ronge oder Wilhelm Wolf, dem Marx sogar das erste Kapitel vom Kapital widmete.
Sollten die Vorwürfe der Jungsozialisten stimmen, müsste es den Burschenschaften ja geradezu peinlich sein, dass sie solche Mitglieder wie Lassalle gehabt haben. Dass dies nicht der Fall ist, muss an dieser Stelle nicht betont werden. Die Alte Breslauer Burschenschaft der Raczeks hat Lassalle stets als ihren Bundesbruder geachtet. So wurde bereits vor dem Unvereinbarkeitsbeschluss auf dem Bundesconvent 2005 beschlossen, dass das, laut einer Meldung der Welt am Sonntag vom April 2003 verwitterte, Grab Lasalles besucht und gepflegt werden solle. Entsprechend ging es für vier Raczeks in der Woche vom 14. bis 17. August nach Breslau zur Grabpflege.
Da Ferdinand Lassalle in Breslau auf dem alten Judenfriedhof liegt, beabsichtigten wir, den Rabbi der jüdischen Gemeinde um Rat bei der Pflege eines jüdischen Grabes zu bitten. Die jüdische Grabkultur unterscheidet sich von der sonstigen europäischen dadurch, dass Gräber normalerweise nur eingerichtet und dann ihrem Verfall anheim gegeben werden. Anders, als bei uns üblich, werden auf jüdische Gräber keine schmückenden Blumen gelegt, sondern kleine Steine.
Da wir nicht vorhatten, in irgendeiner Weise jüdische Befindlichkeiten zu verletzen, versuchten wir, den Rabbi von Breslau zu besuchen.
Bedauerlicherweise ist jedoch die jüdische Gemeinde Breslaus vom Großrabbinat in Warschau zwangsaufgelöst worden, da man in Breslau wohl weniger mit Talmud und Thora, als mit unzulässigen Immobilienspekulationen hantiert hat. Dass Breslau einst eine deutsche Stadt war, spürt man nirgends deutlicher, als auf dem jüdischen Friedhof im Süden der Stadt, der recht versteckt an einer vierspurigen Schnellstraße liegt. Auf über 10.000 Grabsteinen findet man fast ausschließlich deutsche Namen und Inschriften. Der Friedhof ist durch hohe Mauern, die dem Verfall nahe sind, abgeschirmt. Die Stätte wirkt recht romantisch. Auf dem weitläufigen Gelände kann man Mausoleen, Obelisken, Kapellen und Sarkophage mit Namen von Familien lesen, die uns heute noch vertraut klingen: Wertheim, Singer, Friedländer, Schottländer und Stein (der Vater von Edith Stein).
Viele Grab- und Erinnerungstafeln beschwören den patriotischen Geist der damaligen deutschen Juden. Die in den Stadtführern genannten Renovierungsarbeiten konnten wir in dem parkähnlichen Gelände leider nicht feststellen. Einzige Ausnahme war das Grab von Lassalle, das im Jahre 2003 durch die Friedrich-Ebert-Stiftung hergerichtet und mit schwarzen Marmorplatten verkleidet wurde. 1989 hielt Johannes Rau vor versammelter deutsch-polnischer Delegation eine Rede vor dem verwitterten Grab, nach der Renovierung 2003 sprach dort Gerhard Schröder.
Dass seitdem offensichtlich keiner mehr das Grab sonderlich gepflegt hat, konnte man aufgrund des derzeitigen Zustandes erahnen. Anscheinend wird es nur bei Bedarf und für öffentlichkeitswirksame Aktionen deutscher sozialdemokratischer Politiker hergerichtet, aber anschließend wieder seinem Schicksal überlassen. Einzig und allein der Parkwächter, der für den Friedhofsbesuch ein geringes Eintrittsgeld verlangte, teilte im Gespräch mit, dass die meisten Besucher das Grab Lassalles sehen möchten. So wunderte es uns nicht, dass wir zwei Mitglieder eines CV-Bundes trafen, die sich das Grab Lassalles anschauen wollten. Ein Zeichen dafür, wie geachtet der Burschenschafter Lassalle auch bei der korporierten "Konkurrenz" ist.
Am ersten Tag unserer Reise konnten wir uns vom Zustand des Grabes ein Bild machen. Am zweiten Tag kamen wir nochmals zurück, um es von Dreck, Moos, Staub, Spinnenweben und Matsch zu befreien. Erde und Blumen brachten wir wegen der Marmorplatten nicht mit. Nach einer mehrstündigen Reinigung machte das Grab zumindest wieder einen sauberen Eindruck. Zum Schluss positionierten wir auch wieder die etlichen kleinen Steine auf der Grabplatte, so wie sie vorher gelegen hatten.

Die Grabinschrift lautet:
"Ferdinand Lassal geb. d. 11. April 1825, gest. d. 31. August 1864"
Und die Grabinschrift für seine Mutter:
"Rosalie Lassal, geb. Heizfeld, geb. d. 8. Mai 1797, gest. d. 13. Februar 1870".

Nachdem wir das Grab Lassalles, den Grund unserer Reise, hinter uns gelassen hatten, standen an den folgenden Tagen die zahlreichen Stätten mit burschenschaftlicher Bedeutung auf dem Programm, besonders natürlich diejenigen mit Raczek-Bezug.
Erste Station war die ehemalige Mühlenbrücke am Breslauer Oderufer, wo einst das Haus unseres Bundes stand. 1998 hatten wir dort einen mehrere Tonnen schweren Gedenkstein aufgestellt, auf dem in deutscher sowie polnischer Sprache auf den Standort des ehemaligen Hauses aufmerksam gemacht wird. In Deutschland wäre das Denkmal mittlerweile sicherlich von linksextremen Graffiti-Schmierereien verschandelt worden, nicht jedoch in Breslau. Anscheinend herrscht dort noch ein ordentliches Verständnis im Umgang mit Denkmälern!

Ferner besuchten wir noch die Aula der Universität, wo eine Couleurkartenausstellung gezeigt wurde.
Auch der im Jahre 2004 renovierte Fechterbrunnen vor der Aula war eine unserer Stationen. In der Mitte des Brunnens steht ein Fechter. Dessen Glockenschläger wird alle paar Wochen gestohlen und manchmal mit seltsam anmutenden "Ersatz"-Klingen ausgestattet.

Im Schweidnitzer Keller unter dem Rathaus, der ehemaligen Kneip-Gaststätte der Breslauer Korporationen, musste natürlich auf alte Zeiten ein Bier getrunken werden.

Etwas außerhalb des Stadtzentrums liegt die Jahrhunderthalle: Dieses 1913 entstandene Veranstaltungsgebäude mit einem Innenraum, der 95 m Durchmesser hat, war zum Zeitpunkt der Fertigstellung weltweit das größte seiner Art und zu Ehren des 100. Jahrestages der preußischen Befreiungskriege gegen Napoleon I. erbaut. Vorbild für die riesige Kuppel war die wesentlich kleinere Festhalle in Frankfurt am Main. Die Halle wurde am 10. März 1913 mit Gerhart Hauptmanns Festspiel in deutschen Reimen eröffnet.
Nicht erst durch diese überwältigende Architektur wurde einem klar, dass man auf Schritt und Tritt auf deutsche Kultur traf. Auffällig waren viele Hinweise, Schilder, Namen, Wappen etc. mit deutschen Inschriften. 1939 zählte Breslau 629 656 Einwohner, und kaum 2 Prozent waren Polen. Heute ist es fast umgekehrt: In der 700 000 Einwohner zählenden Stadt wohnen kaum mehr als 3000 Deutsche. Für die Polen ist klar, dass sie heute in einer polnischen Stadt wohnen, wobei aber von einem stetig größer werdenden Teil von ihnen auch die deutschen Wurzeln der Stadt vorbehaltlos akzeptiert werden.
Es darf wohl bezweifelt werden, dass die Jungsozialisten, die so entschieden gegen das Verbindungswesen vorgehen und mit Antisemitismus- und Fremdenfeindlichkeitsvorwürfen schnell bei der Hand sind, über ein genügend differenziertes Geschichtsbild verfügen, um die Zusammenhänge zwischen Lassalle, Burschenschaft und Sozialdemokratie würdigen zu können.
Was bleibt, ist die Erkenntnis, dass wir Burschenschafter weiter auf der moralisch richtigen Seite stehen, so, wie seinerzeit unser Bundesbruder Ferdinand Lassalle. War 1863 die Gründung des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins Ausdruck nötiger gesellschaftlicher sozialer Korrektur, so muss das politische Wirken von Burschenschaftern heute in anderen Bereichen wie beispielsweise der nationalen Minderheiten- und Volksgruppenpolitik greifen.
Norbert Weidner Z! Z!