Mi
22
Feb
2012
Inside NO.WKR
Nicht nur Standard, Kurier und Co. haben es geschafft, einen investigativen Reporter zu engagieren. DieBurschenschaften.de veröffentlichen einen exklusiven Bericht von einem "Demoteilnehmer".
Draußen ist es dunkel, nebelig und kalt. Ich nähere mich der Wiener Innenstadt aus Richtung Norden. Nicht unbedingt zwingend, da ich aus dem Süden komme, aber zum einen bin ich als Nicht-Wiener gezwungen, mich an die großen Durchzugsstraßen zu halten, zum anderen scheint es mir sinnvoll, die Innenstadt heute großzügig zu umfahren. Es ist Freitag, der 27. Jänner 2012. In der Hofburg steigt in etwas mehr als einer Stunde der WKR-Ball, und vor der Hofburg sammeln sich seine Gegner um ihre Frustrationen in die Welt hinauszuschreien. Der Bereich um die Hofburg ist großräumig abgesperrt, vorbei an den Protzbauten der Gründerzeit entlang der Ringstraße bewegen sich zur Stunde zwei Demonstrationszüge in gegensätzliche Richtung. Ihr Ziel ist der Platz vor der Hofburg, wo sie sich zu einer Kundgebung gegen den Ball vereinigen werden. Ich nähere mich in langsamem Tempo jenem Platz, an dessen einen Ende die Universität liegt. Von dort ist es nicht mehr weit zum Rathaus, das seinerseits wieder der Hofburg gegenüberliegt. Alles ist still, kein Verkehr, ich habe grün und schicke mich eben an links abzubiegen, da wird dir Straße plötzlich von zwanzig, dreißig dunklen Gestalten bevölkert; vorne, hinten, seitlich: schwarze Bekleidung, Kapuzen, Sonnenbrillen und Schals bis an die Nase. Finstere Blicke treffen mich durch die Scheibe, obszöne Gesten, einer tritt gegen meine Reifen, einige spucken. Warum mein verbeulter Opel aus dem vorigen Jahrhundert den Haß dieser Fußgänger erregt verstehe ich nicht, aber ich verhalte mich ruhig. Wer weiß denn, was so spontaner Volkszorn nicht alles anrichten kann. Die Horde zieht vorbei, ich kann weiter, dennoch beschließe ich lieber jetzt schon zu parken und den weiteren Weg zu Fuß zurückzulegen; sind ja bloß noch knapp zwei Kilometer. Bereits am Platz vor der Universität eine Unzahl von Polizeifahrzeugen; Polizisten an allen Kreuzungen und Übergängen, sie leiten den ohnehin spärlichen Verkehr um.
Ich bewege mich die Ringstraße entlang, vorbei an der Universität, hin zum Burgtheater immer wieder treffe ich auf Gruppen vornehmlich junger Menschen in offenbar bester Stimmung. Sie halten Bierdosen in den Händen und verschiedene Lärminstrumente. Die meisten bewegen sich ungeniert mitten auf der Straße, die an normalen Tagen eine der Hauptverkehrsadern Wiens bildet. Heute ist sie für den Verkehr gesperrt, aber ruhig ist es dennoch nicht. Es herrscht ein ständiger aufgeregter dumpfer Lärm, der immer wieder durch tröten, Quietschen und Schreien durchbrochen wird. Sprechchöre hallen dazwischen. „Nazis verpißt Euch!“ kann ich verstehen, das sattsam bekannte „Nazis raus!“ und zwischendurch etwas Italienisches mit“…Antifascista!“ am Ende. Es klingt aber, als würden sie noch üben.
Neben dem Burgtheater in einer Seitengasse sammelt sich gerade eine Rotte dunkel gekleideter Radfahrer zu etwas was auf mich wie eine Befehlsausgabe wirkt. Wie sich später herausstellte, war dieser Eindruck gar nicht so falsch, es handelte sich um bewegliche Spähtrupps, deren Aufgabe es war, die Hautstoßrichtung der Schlägerabteilungen zu koordinieren.
Am Burgtheater vorbei sehe ich bereits das Rathaus. Die einzelnen Menschenansammlungen verdichten sich immer mehr, die Geräuschkulisse wird stärker. Ich beschließe von der Hauptstraße abzuweichen, lasse das Rathaus rechter Hand liegen und wende mich nach links. Rechts von mir liegt der sogenannte Volksgarten, ein Park in dem sich heute, ungewöhnlich für diese Jahreszeit und dieses naßkalte Wetter die Schemen unzähliger Menschen abzeichnen. Links von mir liegt jetzt das Bundeskanzleramt und den Ballhausplatz mit dem Amtssitz des Bundespräsidenten und ein paar Meter weiter öffnet sich die Gasse nun auf den sogenannten Heldenplatz. Dieser größte Platz Wiens, der an zwei Seiten von der Hofburg, an einer Seite vom Volksgarten begrenzt wird öffnet sich an der vierten Seite zur Ringstraße und gibt den Blick auf die beiden großen Museen (Kunst- und Naturhistorisches Museum) und die zwischen beiden thronende Maria Theresia frei. An dieser Seite befindet sich auch das monumentale sogenannte Heldentor, das dem Platz seinen Namen gibt.
Errichtet von Kaiser Franz II aus Freude über den Sieg über Napoleon ist es das letzte erhaltene Stadttor Wiens und liegt genau an der Verbindungsstraße zwischen Schönbrunn und der Hofburg, den beiden wichtigsten kaiserlichen Residenzen. Im Inneren des Heldentores befindet sich das Denkmal des Unbekannten Soldaten und so sind Tor und Platz, nicht nur auf Grund der räumlichen Nähe zu Bundekanzler und Bundespräsidenten immer wieder Schauplatz militärischer und staatstragender Zeremonien. Das Österreichische Bundesheer darf hier alljährlich am 26. Oktober, dem Tag an dem Österreich seine Unabhängigkeit nach Abzug der Besatzungsmächte feiert, eine große Leistungsschau samt Truppenparade abhalten.
Den Heldenplatz selber beherrschen zwei gigantische Reiterstandbilder, die die größten Helden der österreichischen Militärgeschichte darstellen: Mit dem Rücken zur Hofburg Prinz Eugen von Savoyen, der französische Italiener, der zum Vater der neuzeitlichen habsburgischen Großmacht wurde und ihm entgegenreitend, die Fahne stolz erhoben, Erzherzog Karl, der dereinst dem Mythos von der Unbesiegbarkeit Napoleons in der Schlacht von Aspern ein Ende setzte. Dieses Denkmal ist bemerkenswert, nicht nur, weil es, für ein Reiterstandbild wahrscheinlich einzigartig in der Welt, nur auf zwei Auflagepunkten ruht, sondern weil es den Erzherzogen auf zwei riesigen Bronzetafeln ausweist als den „Ruhmreichen Führer der Heere Österreichs“ und den „Standhaften Kämpfer für Deutschlands Ehre“.
Heute ist der Platz zweigeteilt. Hin zur Hofburg hat die Polizei abgeriegelt, dort herrscht gähnende Leere. Hin zum Volksgarten quillt der Platz über von Menschen. Hier ist der Lärm naheu unerträglich. Man trommelt und trötet, von zwei Bühnen erschallt Musik, und immer wieder Sprechgesänge. „Nazis verpißt Euch, keiner vermißt Euch!“ jetzt weiß ich, wofür die vorher geübt haben! Immer wieder „Nazis raus!“ und – halt! – etwas Neues: „Ein Baum, ein Strick, ein Burschengenick!“, das ist zwar Aufforderung zu einer Straftat, aber wenigstens originell. Die Redner auf den Tribünen verkünden ihre Weisheiten: „Wie schlimm, daß die heute….!“ Und „Sie tanzen auf den Leichen der Ermordeten!“ (hier klingt immer durch: „…der von IHNEN ermordeten…“), und „eine Provokation“, und „wehret den Anfängen“ und „Niemals vergessen…“ Die ganze, seit den Tagen des Wartburgfestes sattsam bekannte unausgewogene Mischung aus oberflächlicher Recherche, tief verwurzelten Klischees und freier Interpretation. Nichts Neues unter der Sonne! Hier wird, zumeist in erbärmlichem Stil weinerlich wiedergekäut, was seit Wochen die Medien vorkauen. Ich wende mich lieber den Transparenten zu. Eine Unzahl Roter Fahnen mit und ohne Hammer und Sichel sticht mir ins Auge, dazwischen die Regenbogenfahnen der Homosexuellenbewegung. „Liebe wen Du willst, nur keinen Burschi!“ steht dort in Rosarot; find ich nett! „Die Österreichischen Haßprediger“ steht dort auf einem anderen, riesigen, in rot-weiß-rot gehaltenen Transparent; darunter die Bilder von Strache, Haider und Hitler. Auf einem anderen Transparent wird die Internationale Solidarität eingefordert, ich glaube, das war noch vom 1. Mai übrig. Offenbar italienische Antifaschisten erklären sich auf einem Transparent solidarisch mit ihren Kampfgenossen in Österreich, auch klar, zu Hause, wo die (Neo) Faschisten ganz offen in der Regierung sitzen kommen sie damit wahrscheinlich nicht so an. Ein etwas skurriles Bild bietet ein Afrikaner, der ein Schild trägt mit der Aufschrift: „Auch Juden sind Menschen!“; mir ist nicht ganz klar, wem er das mitteilen möchte. Ganz besonders gut gefällt mir ein Transparent mit dem Text: „Faschismus und Demokratie sind beide Herrschaftsformen des Kapitalismus“, da weiß man doch gleich, wes Geistes Kinder hier zusammengetrommelt wurden, um der Anfänge zu wehren.
Die Stimmung am Platz ist ausgelassen. Anderes als am Nachmittag, als Kirchenfunktionäre und Politiker der zweiten Reihe beim Gedenken an den 27. Jänner, den für Österreich keine zwei Wochen zuvor aus dem Hut der politischen Korrektheit gezauberten Gedenktag ihre gut geübte professionelle Betroffenheit, sich selbst und ihr Gutmenschentum zur Schau stellen durften herrscht hier weniger zornige Betroffenheit als Partystimmung. Man könnte meinen auf einer riesigen Freiluft- Faschingsveranstaltung zu sein, wären nicht die unzähligen bengalischen Feuer, die bedrohliche Lärmkulisse und die, immer wieder lautstark vorgetragenen Haßparolen, die dem ganzen eher den Anstrich einer Walpurgisnacht verleihen; Unheimlich düster und furchterregend, trotz zahlreicher bunter Kostüme, die vermutlich Couleur karikieren sollen, trotz eines Kostüms, das offenbar einen Penis darstellen soll (vielleicht ein Hinweis auf die sexuellen Verklemmtheiten, die man den Korporierten nachsagt), trotz verschiedener Tanz und Trommelgruppen, die sich mit sichtlichem Vergnügen ihren Hobbies hingeben und trotz unzähliger Bierdosen, die halbleer und halbvoll immer wieder in Richtung Polizisten fliegen. Mir läuft eiskalte Gänsehaut über den Rücken.
Eine Fahne des Samariterbundes in einer etwa abgelegenen Ecke des Platzes zieht mich an. Der Samariterbund unterhält hier eine Labestation und versorgt die Feiernden, pardon, die Demonstranten mit Essen und heißen Getränken. Als überzeugter Rot-Kreuz-Angehöriger, die Grundsätze „Neutralität“ und „Unparteilichkeit“ im Herzen, verzichte ich aber darauf, beides näher in Augenschein zu nehmen und wende mich wieder ab.
Diese Walpurgisnacht beginnt mich zu langweilen. Ich schließe meine Runde und kehre zurück um Ballhausplatz, um mich von dort Richtung Josephsplatz durchzuschlagen, wo der Lieferanteneingang zu den Ballräumlichkeiten heute den Ballbesuchern zur Verfügung steht, als plötzlich das Licht ausgeht; Stromausfall auf dem gesamten Platz; wie durch ein Wunder genau zu dem Zeitpunkt, als die offizielle Kundgebung an ihr offiziell genehmigtes Ende kommt. Mir ist es gleich, ich setze meinen Weg fort, sehe mich auf dem Zugang zum Ballhausplatz aber einem Polizeikordon gegenüber. In drei Gliedern mit voller Schutzausrüstung und grimmigen Gesichtern riegeln sie den Platz ab. Meiner Erklärung, daß ich unbedingt Richtung Altstadt gehen müßte wird kein Gehör geschenkt. Mit jener typischen amtlichen Freundlichkeit österreichischer Polizisten, die jeden Widerspruch schon im Keim erstickt werde ich aufgefordert, keinen Widerstand zu leisten. Angesichts der zahlenmäßigen Überlegenheit und der besseren Bewaffnung meiner Kontrahenten verzichte ich auf Gegenwehr. Die Polizei räumt den Platz, kompromißlos und konsequent, wie im Lehrbuch. Wäre ich nicht mitten drinnen, könnte ich sicher noch mehr Bewunderung für die Aktion aufbringen. So sehe ich mich ausweglos weg von der Hofburg in Richtung Ringstraße getrieben und finde mich schlußendlich außerhalb des Heldentores wieder. Von hier wandere ich nolens volens rund um den gesamten riesigen Gebäudekomplex der Hofburg herum und versuche mich durch unzählige Trupps Vermummter und Polizeiabsperrungen zum Eingang durchzuschlagen.
Nach einer Stunde stehe ich nun, durchgefroren und mit einer Blase auf der Ferse endlich im Ballsaal und genieße den Kontrast zum winterlichen Tanz der Teufel; einen Gedanken im Kopf, der mich nicht mehr losläßt: Wenn es stimmt, daß an diesem 27. Jänner auf den Gräbern von sechs Millionen Ermordeten, was sag ich, 52 Millionen Opfern des Weltkriegs, getanzt wurde, dann habe ich sechstausend Tänzer gezählt; dreitausendfünfhundert im Saal und zweitausendfünfhundert draußen auf dem Platz.
Quelle: DieBurschenschaften.de